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2006

Bewerbung
An den Diakonieverband in Celle

Sie suchen Helfer für Ihre Arbeit in der Bahnhofsmission. Das heißt also, Menschen zu helfen, die sich auf den Bahnhöfen nicht zurechtfinden, die sich entschlossen haben, eine Reise zu unternehmen, um ihre Kinder oder alte Freunde zu besuchen. Ich nehme an, es gibt viele Menschen, die hilflos sind. Ich bin zwar auch keine von den Jüngsten, aber noch sind mein Verstand und mein Wissen da, um Hilfebedürftigen zu helfen. Und meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, zu wissen, dass jeder Mensch, vor allem der Hilflose, einen Helfer braucht. Und wie soll eine alte Frau, die noch nie gereist ist, wissen, wo der Bahnsteig 4 ist. Ja, und manchmal haben diese Menschen Sorgen, vielleicht sind sie durstig oder können ihren schweren Koffer nicht tragen. Nun, das muss ich hinzufügen, dass ich verhältnismäßig groß geraten bin, nicht nur groß, sondern auch kräftig aussehe. So könnte ich mir denken, dass eine Mutter mit Kindern und Koffern mir ganz gern ihr Hab und Gut anvertraut, um es zum nächsten Bahnsteig zu tragen.

Das alles habe ich mir überlegt und bin zu dem Schluss gekommen, drei Stunden am Tag zu helfen, auch sonntags. Also, ich bin noch gut zu Fuß, kann Treppen steigen, Koffer tragen. Und vor allem kann ich Anteil nehmen am Geschick der Menschen.

Mit freundlichen Grüßen
Gertrud Thun

 

Erinnerungen an das Leben meiner Großmutter Elisabeth Ostermann, geb. Waack.

Ich selbst bin nun schon vielfache Urgroßmutter, und nun will ich im Jahre 2006 von meiner Großmutter schreiben. Bewusst kennen gelernt habe ich sie erst, als ich 10 Jahre alt war. Der Großvater war schon einige Jahre tot, und sie wohnte in Müden in der Lüneburger Heide im Pfarrwitwenhaus zusammen mit ihrer ältesten Tochter Mariechen, die nicht verheiratet war. Meine Großmutter muss o um 1850 geboren sein. Und da mein Großvater zu Müden Pastor gewesen war, hatte sie ein Anrecht, im Pfarrwitwenhaus zu wohnen. Und dieses Häuschen steht immer noch. Wenn wir als Kinder bei ihr zu Besuch waren, mussten wir immer ganz brav sein. Ermahnt wurden wir, ja nicht zu viel zu essen und nur zu reden, wenn wir dran waren. Rückblickend kann ich gar nicht mehr feststellen, ob das Großmutters Wunsch war, oder ob meine Mutter mit ihren Kindern nur einen guten Eindruck machen wollte. Jedenfalls konnten wir nur in den Ferien dort sein. Und wir Enkelkinder kamen alle von weit her. Müden liegt bei Celle. Direkt an der Aller war der Garten. Ein Boot war immer am Ufer bereit, und wer Lust hatte,durfte auch angeln oder baden.

Meine Großmutter, die ganz klein und zart war, hatte acht Kinder - 4 Töchter und 4 Söhne. Mein Vater war der Älteste. Ich weiß nur, dass die Kinder alle sehr an ihrer Mutter hingen. Und wenn meine Großmutter Wünsche hatte, redeten alle Kinder darüber, und alles wurde erfüllt. Ich weiß noch, dass es einmal ihr größter Wunsch war, dass alles Holz, das im Garten lag, klein gemacht wurde. Und siehe da, ehe sie sich's versah, war alles klein gehackt. Und dann wünschte sie sich einen Hühnerstall. Auch dieser Wunsch wurde erfüllt.

 

Tschernobyl

Eines Tages wird auch unsere Erde nicht mehr sein! Können wir das glauben? Wir haben noch alles, was wir brauchen zum Leben. Wasser, Luft und blühende Äcker und Berge und Seen. Das Stückchen Erde in der Ukraine ist verdorben. Nicht nur für einen Sommer, sondern für eine nicht abschätzbare Zeit. Wahrscheinlich hat der Kernreaktor für Generation das Leben zerstört. Ob es je wieder gesundes Leben dort geben wird? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass es Mächte gibt, die größer sind als wir.

 

Leidenschaften oder Sammeln

Bisher war ich immer sehr darauf bedacht zu sagen: Trude, Leidenschaft? Hast du gar nicht! Übst du auch nicht aus. Und willst du auch gar nicht! Letzteres ist eigentlich das Wichtigste - ich will keine Leidenschaft. Und nun will ich mal tief in mein Seelenleben gucken. Oder ist Seelenleben nicht der richtige Ausdruck? Wenn ich so nachdenke schon. Ich habe mir vorgenommen, auswendig zu lernen. Und zwar nicht irgendwas, sondern schöne Verse, die gut klingen, mich erfreuen, und die ich immer wieder hören kann.

Und wenn das alles stimmt, dann muss mein Kopf herhalten, dann will ich mit Leidenschaft die Worte in meinem Gedächtnis behalten, und wenn das alles stimmt, dann sind sie schön. Nur einen Fehler habe ich: Ich lerne schwer, und es kann lange dauern, bis ich den geliebten Text auswendig sagen kann. Ich muss üben und üben und immer noch einmal wiederholen. Und wenn ich es dann geschafft habe, bin ich stolz und spreche dann wohl laut: "Ein kleines Lied, wie geht's nur an, dass man so lieb es haben kann. Es liegt darin ein wenig Klang, ein bisschen Wohllaut und Gesang und eine ganze Seele".

Das ist nur der Anfang von meiner "leidenschaftlichen" Selbstdarstellung. Ich könnte noch viel darüber berichten. Im Grunde genommen ist es aber für andere nicht von großem Interesse. Es sei denn, jemand hätte ähnliche Ambitionen.

Da fällt mir eine Strophe eines Gedichtes ein:

"In mir ist alles aufgeräumt und heiter,
die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt,
an solchen Tagen erklettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
weil er sich selber liebt, den nächsten lieben."

 

Tutti-Frutti

Herrliche ausländische Früchte gibt es heute! Viele Orangen- und Zitronensorten, mir fallen so schnell gar nicht so viele ein.

Als ich jung war, gab es nicht so viele Obstsorten wie heute. Ich bin aufgewachsen mit unseren geliebten Früchten aus dem Hausgarten. Und da waren die verschiedenen Beerensorten und die alten Apfelsorten wie Boskop, Grafensteiner und Augustapfel. Sicher gab es noch mehr. Und alles wurde eingemacht in Gläser, die man aus dem Keller holte. Man kaufte für 5 Pfund Obst 5 Pfund Zucker, das Rezept war immer das Gleiche: Pfund auf Pfund. Ich erinnere kaum, dass wir Marmelade gekauft hätten. Diese Überlegung lag gar nicht drin. Ja, und das ist heute alles anders. Die raffiniertesten eingemachten Obstsorten und Marmeladen kann ich kaufen, und ich brauche nichts dafür zu tun, weder Früchte ernten noch den Einweckapparat in Gang setzen. Trotzdem, mir fehlt etwas! Was soll ich sagen? Ich habe so etwas wie Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach früheren Gewohnheiten und Gebräuchen, nach alten Zeiten. Aber das ist nur so eine Idee. Schmecken tut mir alles genau so gut wie früher, und wir sparen viel Zeit und Kosten.

 

Ein Tag in meinem Leben als junge Frau

Ich habe - wie wir wohl alle - ein bewegtes Leben hinter mir, und es gab Tage, die mich forderten, und ich musste mein ganzes Sein einsetzen, um anderen eine Hilfe zu leisten.

Wir wohnten in einem einsamen Dorf in der Lüneburger Heide, 7 km von der nächsten Bahnstation entfernt. Ich hatte kurz vor dem Krieg eine Aushilfsausbildung als Rote-Kreuz-Schwester gemacht. Ein halbes Jahr dauerte sie. Und dann kam der Krieg, und ich wurde dazu aufgefordert, in unserem Haus eine Unfallstation zu eröffnen. Das hieß also, wenn irgend ein Unfall oder sonst was passierte und kein Arzt zu bekommen war, dann sollte ich erste Hilfe leisten. Es gab natürlich keine Autos, und der Arzt wohnte auf der anderen Seite der Elbe. Und nachts gab es auch keine Fähre, die den Arzt hätte übersetzen können.

Und dann passierte es, dass eine junge Frau, die in den Tagelöhnerwohnungen lebte, ein Kind bekommen sollte. Ich hatte selbst einen einjährigen Sohn, aber geholfen hatte ich noch nie bei einer Geburt. Die Hebamme musste mit Pferd und Wagen aus dem übernächsten Dorf geholt werden. Ehe die Pferde aber angespannt waren und die Hebamme da war, war das Kindchen auf die Welt gekommen. Und ein Aufatmen ging durch das Haus. Wir waren alle dankbar. Die junge Mutter war die glücklichste Frau der Welt.