2004
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Ein Ort, an dem ich lebte
Meine liebe Julia!
Ob dich dieser Brief interessieren wird?
Nun, ich habe einen Traum! Noch heute - ich bin nun alt - wache ich nachts auf und denke an meine Kindheit. Ich möchte dir davon erzählen. Es ist keine erlebnisreiche Geschichte, nein, ich will dir die Geräusche beschreiben, die meine Kindheit begleitet haben, und du wirst verstehen, dass ich noch heute eine große Sehnsucht habe.
Du weißt, wir wohnten früher am Wasser, an der Weser, und alle Schiffe, die die Weser stromauf oder stromab fuhren, mussten an unserem Ufer vorbei. Ohne Tuten ging es nicht. Hast du schon mal gehört, wenn ein Schiff nachts tutet? Das ist ein Ton, der ins Herz trifft. Kannst du dir denken, dass ich diesen Ton nie vergessen werde? Für mich ist er der Schönste und bedeutet Heimat und Kindheit. Wohin die Schiffe fuhren - ich weiß es nicht.
Und dann fuhr die Straßenbahn direkt an unserem Garten vorbei. Wir Kinder stellten die Uhr danach und abends, wenn die Lichter brannten - die Straßenbahn muss ja genau so beleuchtet sein wie heute die Autos - dann konnten wir uns ausrechnen, wann und wo sie hielt. Die Lichter spiegelten sich an unserer Schlafzimmerwand wider, und wenn der Widerschein bei dem Heidebild angekommen war, hielt die Bahn vor Kühlmanns Haus. Und noch etwas weiter - dann war sie schon weit weg, und wir hatten unsere Ruhe.
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Wes das Herz voll ist ...
Meine liebe Julia,
Ich möchte heute Morgen einen Brief schreiben, nicht um dir eine Freude zu machen, sondern: Ich muss meinem Herzen Luft machen. Kannst du mich verstehen? Es muss raus aus meinem Kopf, ich muss es jedem sagen. Weißt du was? Ich habe eine Reise geschenkt bekommen für 4 Wochen nach meinem geliebten Südtirol. Du weißt, schon einmal habe ich mich dort nach einer Krankheit erholen dürfen. Damals war ich noch krank, und heute bin ich ein neuer Mensch, darf alles nochmal wiedersehen und kann wandern. Noch einmal oben auf die Berge klettern, ohne Atemnot, nur Freude im Herzen, um dann den Gipfel zu erreichen. Und ich habe immer gedacht, nie wirst du ihn erreichen. Und rückblickend ist alles so einfach. Am liebsten würde ich laut singen. Und was meinst du? Ich habe es getan, und mir fiel gerade die 7. Strophe ein von "Geh aus mein Herz und suche Freud", und die heißt: "ich selber kann und mag nicht ruhn ...". Weißt du, das klingt alles so ein bisschen überspannt, aber manchmal muss man ja seine Dankbarkeit kund tun und sagen, dass man sich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhnen darf.
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Die Reise
So jung war ich und habe nie gedacht, je ein so hohes Alter zu erreichen. Ich stand am Deich in Bremerhaven und war traurig. Auf Reede lag das Segelschulschiff Großherzogin Elisabeth, genannt Lisbett. Die letzten Kutterboote brachten die Matrosen an Bord, und mein Bruder Eberhard saß mitten drin. Ich glaube, wenn ihn nicht alle gesehen hätten, er hätte geweint mit seinen 18 Jahren. Es war für ihn der 2. große Segeltörn um Kap Hoorn. Sein größter Traum als Junge war es schon gewesen, einmal Kapitän zu werden. Und was das früher bedeutete, um Kap Hoorn zu segeln, das kann nur einer ermessen, der selbst beteiligt war. 5 Wochen nicht aus dem Ölzeug raus und keinen Hafen anlaufen, oft wochenlang. Und der Wind war nur gut, wenn es der Passat war. Wie habe ich als Schwester mitgelitten. Und trotzdem war ich stolz, so einen Bruder zu haben. Die Abfahrt der Lisbett habe ich nicht mehr gesehen, das ging erst nachts los. Übrigens, einen Motor gab es auf diesem Segelschiff nicht. Ein paar Monate dauerte die Fahrt immer, und wie of erzählte mein Bruder, dass sie Heimweh gehabt haben, und zu Weihnachten wurde ein Bäumchen selbst gemacht aus den Tampen, die einzelnen Fäden wurden auseinander gepult und grün angestrichen. Gefeiert wurde dann nur, wenn der Wind günstig war und keiner in die Masten klettern musste. Wie oft sagte er, dass sie alle Heimweh gehabt haben, aber ohne die zweijährige Segelschifffahrt um Kap Hoorn konnte man sein Kapitänspatent nicht machen.
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Urlaub
Die großen Ferien waren die schönste Zeit in meiner Kindheit. Und jedes Jahr ging die Reise zu meinem Großvater - die Großmutter lebte nicht mehr - nach Müden-Dieckhorst bei Celle. Mein Großvater hatte eine Wassermühle. Das ganze Anwesen war eine Insel mitten in der Aller, und die Allerfluten flossen über die Turbine, und Tag und Nacht rauschte das Wasser. Wir Kinder waren glücklich dort. Die Aller floss an der Inselspitze weiter nach Wienhausen. Und wir konnten baden und spielen. Schwimmen konnten wir damals noch nicht. Heute weiß ich, dass wir einen Schutzengel hatten, der uns vor den Tiefen bewahrt hat. Ich kann mich heute kaum erinnern, dass jemals jemand gekommen ist, um nach dem Rechten zu sehen. Und wenn ich jetzt zurückdenke: Ich glaube, meine Eltern oder die sonstigen Verwandten hatten ein großes Gottvertrauen.
Früher klapperten die Mühlen. Ich weiß nicht wieso, aber für mich war es ein mächtiges Rauschen, und wenn ich heute nicht schlafen kann, dann denke ich zurück an meine Kinderferien. Ich weiß nicht, früher war das Wetter auch besser, die Sonne schien immer, und die Kirschen durften wir stets pflücken und gleich aufessen. Sie waren immer groß und rot und reif. Und mit Pferd und Wagen durften wir auf das Feld und den Roggen einfahren. Und ganz oben saßen wir Kinder, und es ist nicht einmal einer runter gefallen.
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Wasser (innerlich)
Ohne Wasser kann kein Mensch leben! Zu 3/4 bestehe ich aus Wasser. So sagen die klugen Leute, und ich möchte keine Erfahrungen machen, ein Leben ohne Wasser! Dann bin ich verloren. Hinzu kommt, dass es auch ein Labsal ist, zu trinken. Ich fühle den Durst, und nach dem Trinken bin ich wie neugeboren. Alle meine Körperzellen freuen sich. Und ich merke, dass ich auf einmal viel besser denken kann. Sogar besser hören und sehen! Und wenn ich überlege, die Bestandteile des Wassers sind H und O. Und das besagt alles. Chemisch nachvollziehen kann ich es nicht. Ich weiß nur, dass Wasser ein Transportmittel ist und zwar von einer Körperzelle zur anderen. Und wenn das Kostbare nicht da ist, vertrocknet alles, und ich werde krank und unausstehlich.
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Wasser (äußerlich)
3/4 der Erde besteht aus Wasser. Und daran erkennt man, Wasser ist nicht nur Labsal und wohltuend. Wasser kann furchtbar sein. Es kann zur Apokalypse werden. Heute ist das Meer still, und die Wellen wogen auf und nieder, und die Abendsonne spiegelt sich im Wasser. Und dann kommt ein Sturm, ein Orkan! Nichts ist mehr schön, die Wellen türmen sich zu Bergen, und ich kann innerlich nur flehen: Möge ich heil aus dieser Hölle nach Hause kommen. Und das alles ist Wasser, nichts als Wasser. Und mir geht es wieder durch den Sinn: Ich kann ja gar nicht leben ohne Wasser. Wie lässt sich so etwas vereinen? Und dann muss ich an die Arche Noah denken. Als Kind hat mir die Geschichte von der Sintflut großen Eindruck gemacht. Die Menschen wurden mit Wasserfluten bestraft. Und als alles vorbei war, kam der große Regenbogen an den Himmel, der auch aus Wasser besteht, und wir erfahren wieder: Alles liegt so dicht beieinander, das schreckliche Walten des Wassers und die große Versöhnung - der Regenbogen. |
Meine Puppe Meine Puppe soll ich beschreiben. Kann ich eigentlich nicht, sie ist mir ein klein bisschen ans Herz gewachsen. Fritz heißt sie, und manchmal, wenn ich allein bin, rede ich mit ihr. Keine Weltprobleme lösen wir. Ich sage wir und meine doch nur mich. Ich brauche jemanden, der mir zuhört, und am liebsten ist es mir, wenn keiner widerspricht. Und nichts sagen ist ja manchmal mehr als Hilfe. Und das Schönste ist, ich gerate nicht in ein seelisches Tief, ich weiß, dass ich nur laut sagen kann, was mich berührt, und keiner sagt es laut weiter. Ich bleibe, die ich bin und freue mich, dass ich weiter meinen Fritz behalten kann und dass er mein treuer Zuhörer bleibt. Und ich komme nicht in Versuchung, ihm zu widersprechen. Man gut, dass Fritz nicht lebendig ist und trotzdem hat er Herz, meine Puppe, die Fritz heißt. |
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Sonnenhut
Wann gebrauche ich einen Sonnenhut? Du liebe Zeit! Da muss ich nachdenken. Natürlich wenn die Sonne scheint. Ohne die ist alles nur Eitelkeit. Ich weiß aber, dass die Sonne laut Wetterbericht morgen scheint. Und da es der Zufall will, habe ich Karten für das Pferderennen geschenkt bekommen. Nicht etwa nach Ascot oder Baden-Baden geht die Reise, sondern nach Hamburg geht meine Luxusreise, und ihr werdet es nicht glauben, ich nehme meinen Sonnenhut mit. Er ist aus Stroh gemacht und hat ein dekoratives Band mit einer Schleife, die zwar nicht üppig ist, aber für das Pferderennen reicht sie. Und der Hutrand ist groß genug, um die ultravioletten Strahlen abzuhalten. Und ein paar Strahlen schaden ja wohl nicht. Ich bin natürlich stolz, einen so schönen Hut zu haben! Das heißt, ich war es. Ich habe mich umgesehen, um all die anderen Hüte zu begucken. Des Staunens war kein Ende. Beschreiben kann ich diese Hutpracht nicht. Ich stellte nur fest: Trude sei froh, dass dein Hut normal ist, keine Propellergröße hat. Am meisten hätte ich mich gefreut, wenn ein Sturm gekommen wäre und alle Hüte von den Köpfen geflogen wären. Nur meiner hätte dem Sturm standgehalten, da er der einzige Normale war. |
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Die Uhr erzählt
Eigentlich sollte ich eine große Standuhr werden, stolz, allen Menschen zu zeigen, was die Uhr geschlagen hat. Und zwar in guten und schlechten Zeiten. Mein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Ich musste meinen Traum begraben, und der Großvater, der Tischler war, nahm ein hübsches Stück Holz aus dem Kirschbaum. Er formte das Holz mit einer Holzsäge zu einer hübschen Standuhr in Miniaturausgabe. Und nun passe ich überall hin. Die Hauptsache ist mir nicht das Gehäuse, sondern das Gehwerk für die Uhr, die immer anzeigt, was die Stunde geschlagen hat. Ich kann zwar nicht laut schlagen, aber tief drinnen sage ich immer die Stunden, Minuten und Sekunden an. Wenn ich auch manchmal denke, sind Sekunden wirklich so wichtig? Und doch kommt es im Leben manchmal auf die Sekunde an! Ich habe oft gesehen in meiner Zeit, dass nicht nur die Sekunden schnell vergehen, sondern auch die Stunden. Die Stunden des Glücks vergehen schnell, die Stunden des Leids dauern lange, sehr lange. Wie kommt das nur? Und ich bin doch so zuverlässig und zeige immer die vorgesehene Zeit an. Mir kann man keinen Vorwurf machen, dass die Stunden, Minuten, Sekunden verschieden lang sind. Oder doch nicht?
Ich gehöre Frau Seeger, und ich werde fragen, ob sie zufrieden ist. Ich glaube schon, denn sie guckt mich jeden Tag so freundlich an, und wir sind Freunde geworden.
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